In dieser Folge von „LandAussichten“ sprechen wir mit Dr. Wladimir Sgibnev vom Leibniz-Institut für Länderkunde (Leipzig) über ländliche Mobilität und die Frage, was Deutschland aus den Erfahrungen Mittel- und Osteuropas sowie Zentralasiens lernen kann. Denn wenn über gute Mobilität gesprochen wird, fällt der Blick oft auf die üblichen Vorbilder: etwa die Schweiz oder Frankreich. Dabei gibt es auch im Osten Europas und darüber hinaus spannende Lösungen, von denen sich einiges lernen lässt.
Ausgangspunkt des Gesprächs ist die Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. In den 1990er-Jahren mussten sich Mobilitätssysteme unter völlig neuen Bedingungen organisieren. Staatliche Finanzierung, Expertise und eingespielte Versorgungssysteme brachen weg, und plötzlich waren pragmatische Lösungen gefragt, die den Alltag trotzdem am Laufen hielten.
Ein besonders anschauliches Beispiel sind die Marschrutki: kleine Minibusse, die vielerorts aus improvisierten Notlösungen entstanden und sich zu einem festen Bestandteil des Nahverkehrs entwickelten. Dahinter steckt mehr als eine bestimmte Art von Fahrzeug: Es geht um Selbstorganisation, Solidarität und die Frage, wie Mobilität funktioniert, wenn öffentliche Strukturen an ihre Grenzen kommen.
Gleichzeitig geht es um die Frage, was wir heute von solchen Erfahrungen lernen können. Wladimir Sgibnev blickt kritisch auf eine Mobilitätswende, die sich stark an Digitalisierung, Automatisierung und großen Zukunftsversprechen orientiert. Denn manchmal liegt die Lösung näher: ein verlässlicher Takt, ein gut ausgebautes Busangebot oder die Reaktivierung einer Bahnstrecke können im ländlichen Raum deutlich mehr bewirken als die nächste Hightech-Idee.
Der Blick geht deshalb auch auf Beispiele, die in Deutschland bislang wenig bekannt sind: funktionierende Nebenbahnnetze und Oberleitungsbusse in Mittel- und Osteuropa ebenso wie Bürgerbusmodelle in Sachsen. Was diese Ansätze verbindet: Sie müssen nicht spektakulär sein, sondern vor allem vor Ort funktionieren und zu den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen passen.
Zum Schluss wird es noch einmal grundsätzlicher: Was können wir aus alltäglichen Nachhaltigkeitspraktiken in postsozialistischen Regionen lernen? Und warum muss nachhaltiges Leben nicht immer sichtbar, neu oder besonders innovativ sein? Das Gespräch zeigt, dass ländliche Mobilität eng mit regionaler Entwicklung, gesellschaftlichem Zusammenhalt und der Frage verbunden ist, wie wir unseren Alltag organisieren.
Für vertiefende Infos: